Der Künstler





Da war jemand auf die Idee gekommen, zwei völlig wertlose Gegenstände zu nehmen und sie so aneinander zu fügen, dass daraus das Bild eines Stierkopfes entstand. "Grandios!", riefen die Leute. "Phantastisch! Genial!" Die Menschheit hält dieses Werk für große Kunst, für ein Schlüsselwerk der Moderne. - Was hatte Pablo Picasso da gemacht?

Er fand die alte rostige Lenkstange eines Fahrrades und einen abgeschabten schäbigen Fahrradsattel, drehte die Lenkstange mit den Griffen nach oben und schweißte den Sattel mit der Spitze nach unten darauf, lächerlich einfach! Wie wundersam und doch eindeutig: Das waren nun nicht mehr die Teile eines Zweirades, das war unzweifelhaft ein Stierkopf geworden. Aus Metallteilen war Kunst entstanden. Ja, aber was ist denn eigentlich ein Kunstwerk? Ein Kunstwerk ist ein von Menschenhand geformtes, mit den Händen greifbares Ding. Jedoch: Inwiefern gilt diese Aussage für Picassos Stierkopf? Sind nicht auch der Lenker und der Sattel von Menschenhand geschaffene Dinge? Muss der Fahrradfabrikant etwa an Picassos Ruhm beteiligt werden?

 


Die Teile eines Fahrrades sind für sich keine Kunstwerke. Verbraucht sind sie Schrott, der ohne Bedenken entsorgt wird. Aber in Picassos Stierkopf merken wir sofort, dass wir uns in einer anderen Dimension bewegen, wir spüren das Genie, das die Metallteile in so einfacher und doch ungemein beeindruckender Weise zusammengesetzt hat. Und kein Mensch zweifelt daran, dass es sich um Kunst handelt. Und ebenso zweifelt niemand daran, dass nur Picasso als Erster genau dies machen konnte.

 

Die intensive Beschäftigung des Künstlers Angelo Monitillo mit der modernen Objektskulptur des 20. Jahrhunderts setzte in ihm einen Entwicklungs prozess in Bewegung. Mit Begeisterung nahm er Kenntnis von der genialen Einfachheit und der großen Aussagekraft dieser Bildwerke. Diese Erfahrung legte den Grundstein für Angelo Monitillos persönliche Weiterentwicklung. Er sammelte Alteisen und Schrottteile und stellte die ersten Versuche mit seinem Schweißgerät an. Er fertigte mit Fleiß und technischem Geschick "Handarbeiten" an. Seine ersten Skulpturen waren skurril, spaßig, waren fein aneinander gefügte Werkstücke. Aber war das Kunst? "Ein noch so sorgfältig ausgeführtes Stück Handarbeit ist noch kein Kunstwerk, wenn es nicht schöpferische Phantasie verwirklicht." (H. W. Janson, DuMonts Kunstgeschichte unserer Welt, Köln1962, S.10)

Bei Angelo Monitillo wuchs mit der technischen Sicherheit in der Arbeit seiner Hände stetig auch die schöpferische Kraft. Imaginationen vor seinem geistigen Auge, intensive Vorstellung von Form und Gestalt, Sicherheit und Gespür für Anatomie und Aufbau, Gefühl für Ästhetik und Schönheit, aber auch für Fehlerhaftigkeit und Hässlichkeit - das alles führte recht schnell dazu, dass die Skulpturen nicht mehr reine Werkstücke waren, sondern nun mit aller Sicherheit den Namen Kunst verdienen. - Skulpturen waren über viele Jahrtausende hinweg Bildwerke aus Materialien, die ganz oder fast ungeformt waren. Aus einem Klumpen Lehm, aus einem Brocken Fels, aus einem Stück Holz wurden Bildnisse geschaffen, die der Phantasie der Schaffenden entsprangen. In der Kunstform jedoch, die Angelo Monitillo übernommen hat, in seinem Anteil an der Objektkunst sind die Teile vorgegeben, aus denen eine Skulptur entstehen soll. Dadurch befinden wir uns in einer anderen Dimension: Die im Kopf entstandene Idee muss in Konformität gebracht werden mit den Einzelteilen, die vorhanden sind. Die Bestandteile eines Werkes müssen "stimmig" sein, um die gewollte Aussage, die Ästhetik der Figur zu ermöglichen.

Angelo Monitillo ist naturgemäß oft Besucher von Schrottplätzen. Dort sichtet und sammelt er die Grundmaterialien für seine Werke. Gegenüber früherer Zeit hat sich sein Sammeln jedoch verändert: Heute "hört" er die Gegenstände "sprechen", er vernimmt ihr Flüstern und Wispern überall. Das, was auf den Metallhaufen liegt, ist nicht mehr nur der Bodensatz unserer Zivilisation. Monitillo erkennt, was die Gegenstände werden wollen. Und mit seiner Hilfe kommen sie in neuer Gestalt zur Welt. Wenn sie erst zu einem Kunstwerk zusammengefügt sind, verlieren sie ihre eigene Identität, sie ordnen sich dem gesamten Bild unter, sind völlig unbedeutend geworden, unauffällig eingeschlossen in eine wie aus einem Stück geformte Skulptur. Und doch: Mancher Betrachter geht nah heran, untersucht, definiert, erkennt einzelne Bestand-teile. Auch dabei durchschaut man oft die Gedanken des Künstlers, denn die Teile sind ja nicht unbedacht eingefügt. Wenn in Monitillos großem Kruzifix beispielsweise eine Unmenge von Schlüsseln aufzufinden sind, so hat das durchaus auch eine tiefere, in diesem Fall theologische Aussage.

Monitillo ist auf einem guten Weg: Seine technisch zusammengesetzten Skulpturen strahlen hohe künstlerische Gabe aus. In Form, Aussage und Ästhetik erfüllen sie große Ansprüche an die Kunst unserer Tage.

Heribert Schüßler, Paderborn